Mittwoch, 9. Mai 2012

freischaffender kunsttrinker

„Hütchen war stets betrunken und dabei von ausgesuchter Höflichkeit. ,Ich hätte gern eine kleine Erfrischung', sagte er, wenn er sich nach Schnaps sehnte“, erinnert sich Jeffrey Layton an Oskar Huth.

Eigentlich vom Beruf Klavierbauer, trat Huth einen Job als wissenschaftlicher Zeichner am Botanischen Institut an. Dort wurde u.a. die Eignung von Moosen als Ersatzernährung für die kriegsbedingt hungernde Bevölkerung erforscht. Dieser Job – da von Kriegswichtigkeit – verschonte ihn zunächst vor der Einberufung zur Wehrmacht. Jedoch nicht lange. Zum 1. September 1939 musste er schließlich doch seinen Dienst antreten - den er nach zehn Tagen wieder quittierte. Denn dank eines heimlichen Hungerstreiks, wurde er für untauglich erklärt.

Doch schon zwei Jahre später bekam er einen erneuten Befehl sich bei der Wehrmacht zum Dienst zu melden. Darauf verließ Oskar Huth Berlin und setzte das Gerücht in die Welt, er wäre bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Kurze Zeit später tauchte ein, ihm äußerst ähnlich sehender Mann, namens Hoch in Berlin auf. „Hoch" übernachtete zunächst bei Freunden, bis ihm schließlich Käte Kausel ihre Wohnung in der Dillenburger Straße 58f überließ. Sie wollte Berlin verlassen, um mit ihrer Tochter auf das weniger vom Krieg betroffene Umland zu ziehen.

Im Keller des Hauses stellt Huth eine Druckerpresse auf und produzierte fortan Lebensmittelmarken und Blankoausweise, mit denen er so manchen vor dem KZ bewahrte: u.a. Ludwig von Hammerstein, Mitverschwörer des missglückten Hitlerattentats vom 20. Juli., wurde von Huth mit neuen Papieren versorgt. Mit Butter, die er durch seine gefälschten Lebensmittelmarken erhielt, belieferte er zudem eine nicht unerhebliche Anzahl von Untergetauchten – und dies (um nicht aufzufallen) mitunter auch in Frauenklamotten. „Was mir geholfen haben muß, durchzukommen, ist wohl, daß mich die Leute hinsichtlich meiner Nervenfestigkeit, meiner physischen Kraft und (wenn ich's mal ein bißchen eitel sagen darf) auch, was die Sache eines gewissen Witzes angeht, unterschätzt haben."

Nach Kriegsende wurden ihm – freilich – diverse Positionen angeboten, doch Oskar Huth, der sich selbst als „freischaffender Kunsttrinker“ bezeichnete, hielt nicht sonderlich viel von derartigen, an Dienstvorschriften gekoppelte Berufe. Er trieb sich lieber in der neu aufflackernden Kunstszene Berlins herum. „Er war ein Scheiterer aus Überzeugung. Und ein Solitär von Mut und Anmut. Kaum einer seiner Generation hat sich getraut, was er sich gegen die Nazis zu tun traute. Oskar Huth, der Fälscher – er hatte sein Leben der Wahrheit und der Schönheit geweiht. Er starb an einer Leberzirrhose. Und sein Tod wurde sehr beweint“, so Jeffrey Layton über den am 21. August 1991 verstorbene Oskar Huth. Er wurde in Berlin auf dem Friedhof I der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde beigesetzt.

Quellen:
Scherer, B.: Kriegsuntauglich, lebenswichtig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2001, Nr. 273/ Seite 46.
Nachträge und Ergänzungen zu Hammerstein oder der Eigensinn. http://www.suhrkamp.de/hammerstein/Hammerstein_Nachtraege.pdf (abgerufen am 21. Juni 2011).
Friedpark: Jerusalems- und Neue Kirche, Friedhof I: Ehrengrab - Widerstandskämpfer gegen das NS- Regime - Oskar Huth. http://www.berlin.friedparks.de/such/gedenkstaette.php?gdst_id=3002 (abgerufen am 21. Juni 2011).

Kommentare:

  1. Es ist schön, immer wieder von Helden zu lesen, die sich gegen die Nazis was haben einfallen lassen und damit Erfolg hatten.
    Danke für diesen interessanten Bericht.

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  2. Ein wunderbarer Beitrag über Huth. Er hat ihn sich ehrlich verdient...
    Viele Grüße Synnöve

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  3. ein bewundernswerter Mensch - dieser Oskar Huth.

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  4. Danke fürs Vorbeischauen. Einen wirklich speziellen Blog hast du da, deine Beiträge sind echt interessant! Liebe Grüße, Mary

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  5. Da kann ich meinen Vorschreiberinnen nur zustimmen, Sarah-Maria.

    Huth war ein großariger Mensch!

    LG Christa

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  6. Vielen Dank für deinen Bericht, Sarah-Maria!
    So ein wertvoller und wundervoller Mensch verdienst es, dass er in Erinnerung bleibt.
    ♥lichst Zaunwinde

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  7. Liebe Sarah Maria,
    Ich bin Berlinerin,habe aber noch nie von Oskar Huth gehört.
    Danke für Deinen Kommentar bei mir.
    Liebe Grüße Christa.
    Ich werde gleich mal googeln gehen.

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  8. Sehr schönes Buch:
    Oskar Huth - Überlebenslauf

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