Samstag, 24. März 2012

ein dringendes geschäft

Im 19. Jahrhundert entbrannte in den preußischen Behörden ein Zuständigkeitsstreit der besonders dringlichen Art: denn die Berliner Bevölkerung urinierte sich aufgrund mangelnder Alternativen munter durch die Innenstadt und sorgte damit nicht gerade für Frischluft. Doch wer dieses delikate Problem zu lösen hatte war nicht ganz eindeutig, denn die Polizei war zwar zuständig für alles, was auf den Straßen Berlins passierte bzw. nicht passieren durfte, aber bauliche Maßnahmen fielen dem Magistrat zu - welcher aber aus Kostengründen den Bau von öffentlichen Toiletten ablehnte.

Und während die Behörden sich gegenseitig blockierten, nutzen die Berliner diese Steilvorlage und dichteten einen Spottvers auf den damaligen Polizeipräsidenten Karl Ludwig Friedrich von Hinckeldey:

Ach lieber Vater Hinckeldey
Mach uns für unsere Pinkeley
Doch bitte einen Winkel frey

1854 schien eine Lösung zum Greifen nah, denn Ernst Litfaß - dem die wilde Plakatiererei fürchterlich störte - bekam von Hinckeldey die Genehmigung 180 Plakat-Säulen in Berlin aufzustellen, von denen er 30 mit einem Pissoir verbinden sollte. Doch mangels ausreichender Wasserleitungen scheiterte auch dieses Projekt. Es folgten weitere acht Jahre Behördenstreit bis schließlich der Bau von 15 Pissoirs genehmigt wurde. Sie befanden sich allesamt auf Plätzen oder Brücken und waren nur für Männer vorgesehen. Öffentliche Toiletten für Frauen gab es nicht oder sie wurden aus „Sicherheits- und Schicklichkeitsgründen“ in das Innere öffentlicher Gebäude verlegt.

1876 gab es bereits 56 Urinale, die allerdings bei Weitem immer noch nicht ausreichten, um Herr der Lage zu werden. Guido von Madai (mittlerweile Polizeipräsident) ließ daher weitere Anlagen aufstellen, die von den Berlinern auf den Namen „Madai-Tempel“ getauft wurden. Doch es half alles nix: Berlin lechzte nach mehr!

Stadtbaurat Carl Theodor Rospatt erwies sich schließlich als Retter in der Not und präsentierte einen hygienisch, diskreten und effizienten Entwurf mit dem klangvollen Namen „Waidmannslust“ in dem sieben Herren gleichzeitig Platz fanden. Die ersten beiden der insgesamt 142 Toilettenhäuschen standen auf dem Wedding- und Arminiusplatz und die Berliner verpassten ihnen aufgrund ihrer Form den Namen „Café Achteck“. Einige dieser Anlagen wurden in den letzten Jahren aufwendig restauriert und sind heute für beide Geschlechter geöffnet.

Quellen:
Bärthel, H.: Tempel aus Gusseisen. In: Edition Luisenstadt, Berlinische Monatsschrift Heft 11/2000.

Kommentare:

  1. Die gute alte Litfaß-Säule ist ein Bild aus meinen Kindertagen, nur leider heute selten anzutreffen. Ein sehr schöner Beitrag von Dir. DANKE
    Liebe Rosaliegrüße ∙∙♥♥∙∙

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  2. Ach das ist ja interessant, Sarah-Maria! Dein Beitrag ist lustig und direkt spannend...heute macht man sich da kaum mehr Gedanken, wie das war, als die "Häuschen" ins Leben gerufen wurden.
    ...und welche Namen die Berliner jeweils vergaben, ist schon witzig...
    Schönen Dank...und wieder hast du eine Bildungslücke bei mir geschlossen!
    Schönen Wochenende und liebe Grüße von Zaunwinde

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  3. Sehr interessant Sarah, ich kann mich erinnern als ich in die Schule ging, gab es in Bautzen in den Anlagen, ein Parkgürtel, auf meinem Schulweg auch noch ein Pissoar, ich erinnere mich jedoch auch,dass es bei schlechtem Wetter auch schlecht roch.
    Ich wünsche Dir noch ein schönes Restwochenende, liebe Grüße Ulrike

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  4. ... die Waidmannslust und das Café Achteck *gg*. Dein Text war wieder schön zu lesen.

    ich wünsche dir Morgen einen schönen Sonntag :-)
    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  5. Ach hätte man doch auch eins auf der Weltausstellung gehabt. Hat da nicht der Prinz von Hannover ::::

    Auch unsere Zeit hat ihre Vorteile.

    LG Rosine ♥

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  6. Hallo Sarah-Maria,

    prima Idee, etwas über öffentliche Toiletten zu schreiben. Da hätte ich wahrscheinlich meine Probleme, zu diesem Thema aus historischer Sicht etwas in Köln, Bonn oder sonstwo in unserer Gegend zu recherchieren.

    Gruß Dieter

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  7. Das ist sehr interessant. Litfaß-Säulen gibt es ja inzwischen weltweit. Aber die Rahmen-Geschichte gefällt mir auch sehr gut. Sehr schön recherchiert.
    Viele Grüße Synnöve

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