Einiges an Aufsehen erregte ein Vortrag, den der Ingenieur Hermann Ganswindt am 27. Mai 1891 in der alten Berliner Philharmonie hielt: er stellte ein „Weltenfahrzeug“ mit Dynamit-Explosions-Antrieb vor - und seine Zuschauer nahmen ihn nur so mäßig ernst. Ganswindts Idee die Rakete zunächst mit einem Hubschrauber in höhere Luftschichten zu schleppen und sie erst dort zu zünden, brachte ihm auch nicht mehr Glaubwürdigkeit ein. Da half es auch nix, dass er ein Modell eines solchen Hubschraubers gleich mitlieferte. Im Gegenteil sein Modell erlangte als „fliegender Maikäfer“ auf Jahrmärkten Prominenz.
Um also beim bildungsbürgerlichen Publikum fortan mehr Seriosität auszustrahlen lernte er mit 35 Jahren Klavierspielen und ging mit seinem Programm „Klavierconcert und Experimental-Vortrag über Luftschifffahrt“ auf Tour. Seriosität hin oder her, es brachte ihm jedenfalls genug Geld ein, um sich ein Grundstück in Schöneberg (Berlin) zu kaufen und dort einen Prototyp seines Hubschraubers zu entwickeln. Dieser flog erstmals im Juli 1901 gen Himmel. Festgehalten wurde dieser allererste motorisierte Flug der Geschichte von den Brüder Skladanowsky und kurz darauf im berühmten Wintergarten-Varieté vorgeführt. Leider ist der Film heute verschollen.
Doch am 17. April 1902, nicht einmal ein Jahr nach seinem legendären Flug, wurde Ganswindt verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen aus seiner Erfindung, obwohl sie noch nicht einmal gänzlich fertig war, Kapital zu schlagen. Und was noch schwerer wog: ihm wurde Betrug vorgeworfen. Schuld war ein Draht mit dem Ganswindt seinen Hubschrauber während des Flugs gesichert hatte. Nun wurde ihm unterstellt seine Maschine habe sich nicht aus eigener Kraft erhoben. Sein gesamtes Vermögen wurde von den Behörden zur Konkursmasse erklärt und die Firmenbücher beschlagnahmt. Seiner Frau und seinen sieben Kindern blieben nur noch die Wohnräume auf ihrem Schöneberger Grundstück.
Ein Gutachten stellte schließlich Ganswindts Unschuld sicher und nach acht Wochen Haft folgte seine Entlassung. Doch sein Lebenswerk war zerstört und sein Ruf ruiniert. Die Boulevard-Presse hatte es sich in den Wochen seiner Inhaftierung nicht nehmen lassen sich mit Skandal-Schlagzeilen zu überschlagen. Es wurde z.B. ein angeblich von Ganswindt stammender Brief abgedruckt, in dem er dem preußischen Staat seine Maschine gegen 20 Millionen Reichsmark als Staatsgeheimnis anbot. Aus heutiger Sicht wäre das zwar ein Schnäppchen gewesen, doch damals nur ein unweigerliches Indiz dafür, dass der gute Herr Ganswindt ein bisserl übergeschnappt war. Weiter wurde in den Brief nahegelegt, dass Ganswindt behauptete ein „Weltenfahrzeug“ herstellen zu können, dass binnen 24 Stunden den Mars erreichen könne.
Zu einem Rehabilitierungsprozess kam es gar nicht erst, weil im Vorfeld sämtliche Prozessakten spurlos verschwanden. Er musste also nach seiner Entlassung einen Offenbarungseid leisten und von der Wohlfahrt leben. 1912 starb seine erste Frau. Wenige Jahre später überlegte es sich die Öffentlichkeit anders und feierte Ganswindt nun schließlich doch als Pionier der Weltraumfahrt.
Als er 1934 starb, soll er kurz vor seinem Tod zu seiner zweiten Frau gesagt haben: „Ich habe es nicht mehr erleben dürfen, aber du wirst es noch erleben.“ Und er sollte Recht behalten: denn sie war tatsächlich am Cape Kennedy als die erste Rakete zum Mond geschossen wurde.
Quellen:
Hennig, F.: Erst Maikäfer, dann Tausendsassa. In: taz, (04.01.2003).

Wie erfreulich, dass es doch noch so etwas wie ein Happyend gab.
AntwortenLöschenDie Erfinder mussten meistens einen sehr steinigen Weg zurück legen, bis sie ernst genommen wurden...oftmals erlangten sie eine Berühmtheit erst nach ihrem Tod, wie auch Ganswindt. Deinen Beitrag finde ich sehr interessant, Sarah-Maria, für mich war die Geschichte noch unbekannt..auch der Name Ganswindt.
Herzlichst Zaunwinde
Hallo Sarah-Maria,
AntwortenLöschendas ist wieder klasse geschrieben und es klingt unglaublich, dass ihm Betrug vorgeworfen worden ist. Ich kann nicht beurteilen, ob es Wettbewerber gegeben hat, die zeitgleich Hubschrauber entwickelt hatten und wo es letztlich um Patentrechte hätte gehen können. Im Wettbewerb ist da manchmal so, dass mit allen möglichen Ellbogentaktiken gearbeitet wird.
Gruß Dieter
hallo sarah-maria,
AntwortenLöschendas ist wieder ein wunder interessanter bericht, lebhaft geschrieben. danke!
herzliche grüsse
margit
... auch wieder was gelernt :-)
AntwortenLöschenlieber Gruß von Heidi-Trollspecht
Tja, die Bild wurde zwar erst in den 1950ern gegründet, aber deren Vorläufer haben auch schon vorher gewütet...
AntwortenLöschenliebe Grüße von Mathias